Schmuckstraße (St. Pauli)

Von China auf die Große Freiheit

Chinesische Migration in Hamburg im 20. Jahrhundert

Erstellt am 06.06.2013, zuletzt geändert am 12.12.2013 | hamburg multidimensional

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Ludwig Jürgens: Sankt Pauli. Bilder aus einer fröhlichen Welt

Wenn sich heute chinesische Unternehmen auf dem Hamburger Kiez ansiedeln, werden sie in der Regel mit offenen Armen empfangen: Die wirtschaftlichen Profite aus Fernost sind für den Stadtstaat mehr als reizvoll. Doch das war nicht immer so. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten chinesische Einwanderer_innen es in Hamburg besonder schwer.

In den frühen 1920er Jahren entstand in St. Pauli in der Schmuckstraße und den umliegenden Straßen ein „Chinesenviertel“, wie es die meisten Hamburger_innen bezeichneten. Seit dem späten 19. Jahrhundert gelangten chinesische Seeleute in den Hamburger Hafen, sie wurden seinerzeit jedoch vom kolonialen Hafenregime gezielt an einer Einwanderung gehindert.
Während der NS-Zeit geriet die aus ehemaligen Seeleuten bestehende chinesische Community zunehmend ins Visier der Polizei und Gestapo. Mit der „Chinesenaktion“ am 13. Mai 1944 beendete die Gestapo das Kapitel des maritim geprägten Chinesenviertels und verhaftete und misshandelte anschließend die 129 gefangenen chinesischen Männer. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges veränderte sich die chinesische Migration dann grundlegend. Eine steigende Zahl von China-Restaurants bediente seit den 1950er Jahren und insbesondere 1960er Jahren den neuen Hunger nach Internationalität im „Tor zur Welt“. Das Bild der „Fremdheit“ von Chinesinnen und Chinesen hatte sich damit gewandelt – es existierte jedoch nach wie vor, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Seeleute aus Übersee und der Hamburger Hafen

Die Seeschifffahrt war seit Menschengedenken „global“ und überschritt räumliche Grenzen. Im 19. Jahrhundert vollzog sich mit der Industrialisierung ein radikaler Wandel der maritimen Welt. Dampfschiffe lösten allmählich Segelschiffe ab und benötigten für ihr Fortkommen nicht nur große Mengen an Kohle, sondern auch Heizer und Trimmer (Kohlenzieher), die diese in die Kessel beförderten. Europäische und auch deutsche Reedereien – wie der Norddeutsche Lloyd aus Bremen und die Hapag (auch Hamburg-Amerika-Linie genannt) aus Hamburg – beschäftigten seit den 1890er Jahren „farbige Seeleute“, wie asiatische und afrikanische Arbeiter seinerzeit zusammenfassend bezeichnet wurden. Die koloniale Hierarchie offenbarte sich in den deutlich niedrigeren Heuern der indischen, südchinesischen und westafrikanischen Seeleute; und in regelmäßigen, teils offen rassistischen Kampagnen und Angriffen seitens der europäischen Seeleutegewerkschaften, die in England besonders harsch ausfielen.

Rund 3.000 dieser „farbigen Seeleute“ waren um 1900 bei einer Gesamtzahl von 50.000 in der Seeschifffahrt Beschäftigten auf deutschen Handelsschiffen angemustert. Sie befeuerten auf diese Weise sprichwörtlich die dynamische Globalisierung jener Epoche, die aufgrund kolonialer Herrschaft sehr asymmetrisch war und unter den Begriffen Weltpolitik, Weltwirtschaft, Weltverkehr, usw. firmierte. „Globalisierung“ beschränkte sich jedoch nicht nur auf eine Richtung, auf die europäische Ausbeutung des globalen Südens. Aufgrund der Beschäftigungsverhältnisse auf europäischen Schiffen gelangten seit 1900 regelmäßig asiatische und afrikanische Seeleute in den Hamburger Hafen. Damals verweilten die Dampfschiffe zumeist eine Woche im Hafen, bis die Ladung gelöscht oder neue Waren verstaut waren. Wie die meisten anderen Seeleute, so zog St. Pauli, dieses so oft besungene „Seemanns-Dorado“ auch chinesische Seeleute an. In St. Pauli seien „ganze Rudel“ anzutreffen, wie das sozialdemokratische „Hamburger Echo“ 1901 feststellte. Die chinesischen Seeleute fielen selbst im „internationalen“ St. Pauli auf, dabei suchten sie wie viele andere, Einheimische und europäische Seeleute, nach wochen- oder gar monatelanger Fahrt ein wenig Ablenkung.

Das “Tor zur Welt” bleibt zu

Die Hamburger Polizei achtete zur Zeit des Kaiserreichs penibel darauf, dass keine chinesischen Seeleute dauerhaft einwanderten. Das koloniale Hafenregime in Hamburg empfand den Hamburger Hafen als ein potentielles Einfallstor für unerwünschte (insbesondere „farbige“) Migrant_innen. Ein wirkungsmächtiger Hygiene-Diskurs entfaltete sich zudem nach der verheerenden Choleraepidemie 1892, die eine hygienische Überwachung des Hamburger Hafens anstieß und neue Institutionen wie den Hafenarzt (1892) und das Hafenkrankenhaus (1900/01) entstehen ließ.

Während des Ersten Weltkrieges brach aufgrund der britischen Nordseeblockade die Seeschifffahrt in Hamburg zusammen, was unter nicht wenigen Hamburger_innen zu einem besorgniserregenden Gefühl des Stillstands – und die vorherige intensive Verflechtungen Hamburgs mit der Welt nachträglich um so deutlicher werden ließen. Eine Gruppe von rund 60 chinesischen Seeleuten lag während der Zeit des Krieges im Hafen fest und führte ein Leben zwischen Internierung und polizeilichem Schutz vor der Hamburger Bevölkerung, die diese häufig mit den seit 1917 verfeindeten Japaner_innen verwechselte.

Das „Chinesenviertel“ in den 1920er Jahren

“Seit 1919“, heißt es in einem Polizeibericht von 1922, „ziehen Chinesen niederen Standes hier in ständig wachsender Zahl zu.“ Auffallenderweise kamen viele chinesische Seeleute aus englischen Hafenstädten wie London und Liverpool nach Hamburg, besuchten hier offiziell Verwandte und eröffneten wenig später eine eigene Gaststätte in St. Pauli. In dem Netzwerk chinesischer Seeleute sprachen sich die wirtschaftlichen Chancen in Hamburg herum, denn aufgrund der Inflation in Deutschland waren Ausländer im Besitz von Devisen vergleichsweise vermögend. In der Schmuckstraße eröffneten mehrere Lokale, ein Tabakladen, in der angrenzenden Vergnügungsmeile Große Freiheit öffneten zwei Lokale, das Neu-China und das Café und Ballhaus Cheong Shing (Große Mauer), die angesichts ihrer ungewöhnlichen proto-„multikulturellen“ Atmosphäre auch überregional bekannt werden sollten.

Die Hamburger Polizei brandmarkte die chinesische Migration – die mit 100 bis 200 chinesischen Männern ein sehr überschaubares Phänomen bleiben sollte – als „Landplage“ und beschwor eine sanitäre Gefährdung für die Hamburger Bevölkerung. Sie verdächtigte die Chines_innen notorisch kriminell zu sein und Schmuggel insbesondere mit Opium zu betreiben. In St. Pauli kursierte Mitte der 1920er Jahre sogar das Gerücht, die Chines_innen hätten ein geheimes Tunnelsystem ausgegraben, um unerkannt ihren dunklen Geschäfte nachzugehen. Dies entbehrte natürlich jeglicher Grundlage, wie bereits zeitgenössisch in der Presse zu lesen war. Dieses Gerücht illustriert aber sehr anschaulich, wie sehr die Hamburger_innen ihre Phantasie gegenüber dem Chinesenviertel freien Lauf ließen.

Der Hamburger Heimatdichter Ludwig Jürgens charakterisierte die Schmuckstraße in seiner Broschüre „Sankt Pauli. Bilder aus dem fröhlichen Leben“ wie folgt:

„Haus bei Haus in der Schmuckstraße ist von der gelben Rasse bewohnt, jedes Kellerloch hat über oder neben dem Eingang seine seltsamen Schriftzeichen. Die Fenster sind dicht verhängt, über schmale Lichtritzen huschen Schatten, kein Laut dringt nach außen. Alles trägt den Schleier eines großen Geheimnisses. Geht ein Mensch über die Straße, vielfach mit kurzen, abgehackten Schritten, so ist es ein Chinese, eine Tür klappt irgendwo und er ist verschwunden. Niemand weiß, was diese Menschen unter sich in den Wohnungen treiben.“

Ludwig Jürgens steht stellvertretend für den exotistischen Blick, der chinesische Seeleute und Migrant_innen auf „Fremde“ reduzierte. Dabei war das Chinesenviertel keineswegs abgeriegelt. Im Gegenteil, weil die chinesische Migration zu dieser Zeit ausnahmslos männlich war, existierten nicht wenige chinesisch-deutsche Paare. Vor allem Gastwirte, die mehrere Jahre in St. Pauli lebten und sich eine eigene Existenz aufgebaut hatten, lebten in der Regel mit einer deutschen Frau zusammen.

“Chinesenaktion“ – Verfolgung während der NS-Zeit

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialist_innen 1933 änderte sich vorerst wenig für die chinesische Community. Allerdings wurde Druck auf deutsche Reedereien ausgeübt, weshalb diese rund 600 chinesische Seeleute entließen, was zu einigen diplomatischen Verstimmungen führen sollte. Mitte der 1930er Jahre verschärften die Nationalsozialist_innen dann im Zuge des Vierjahresplanes, der NS-Deutschland für einen kommenden Angriffskrieg bereit machen sollte, die Devisenbestimmungen drastisch. Auch chinesische Gastwirte in St. Pauli gerieten deshalb in den Fokus von Polizei und Zollfahndung, da sie regelmäßig ausländisches Geld erhielten, das sie nun unverzüglich bei einer Bank umzutauschen hatten. Die staatliche „Rassenpolitik“, vor allem gegen die deutschen Juden und Jüdinnen gerichtet, hatte ebenfalls Auswirkungen auf chinesische Migrant_innen. Einzelne chinesische Männer wurden nur deshalb ausgewiesen, weil sie „in wilder Ehe“ mit einer deutschen Frau lebten.

Bis 1939 mussten Ausweisungen vorsichtig vonstatten gehen, da ansonsten außenpolitischer Schaden entstehen konnte. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges veränderte sich die Situation dann deutlich; am 9. Dezember 1941 erklärte die Chinesische Republik NS-Deutschland den Krieg – chinesische Staatsangehörige galten damit als „feindliche Ausländer“. Eine Verfolgung chinesischer Migrant_innen setzte ein, die in der „Chinesenaktion“ am 13. Mai 1944 gipfelte. Gestapo und Polizei verhafteten 129 chinesische Männer auf St. Pauli in einer großangelegten Razzia und misshandelte einen Großteil von ihnen systematisch im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel. Im Herbst 1944 überstellte die Gestapo eine Gruppe von 60-80 Chinesen ins „Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg“, wo diese unter katastrophalen Zuständen Zwangsarbeit leisten mussten. Insgesamt starben mindestens 17 chinesische Männer aufgrund des Terrors der Gestapo, der mangelhaften Ernährung und der harten Arbeit. Auch einige deutsche Freundinnen wurden in Lager wie dem KZ Ravensbrück überstellt. Die Geschichte des „Chinesenviertels“ war damit gewaltsam ausgelöscht worden.

Der Boom der China-Restaurants

Lediglich 30 chinesische Männer blieben nach Kriegsende in Hamburg. Eine „Wiedergutmachung“ für das erlittene Unrecht und die rassistische Verfolgung erhielten sie trotz vehementer Versuche nicht. Die chinesische Migration veränderte sich in der Nachkriegszeit sehr stark. Mit der Gründung der Volksrepublik China und der Chinesischen Republik (Taiwan) 1949 war das Land ebenso wie Deutschland gespalten. Auch nach Deutschland gelangten nun chinesische Flüchtlinge aus unterschiedlichen Herkunftsregionen in China.

Zu der wirtschaftlichen (und ethnischen) Nische schlechthin entwickelte sich in den 1950er und 1960er Jahren die Gastronomie. In der Fachzeitschrift „Das Gasthaus“ war 1962 etwa zu lesen:

„‚Original China-Restaurants’ sind gegenwärtig große Mode. So ein Tapetenwechsel hat seine Reize. Keine Angst vor den Hieroglyphen der Speisekarten, es steht auf gut Deutsch daneben, was man Ihnen anbieten will.“

Hamburg spielte diesbezüglich eine Vorreiterrolle und Ende der 1960er Jahre gab es hier bereits zwei Dutzend chinesische Lokale, die zumeist in der Innenstadt und in St. Pauli lagen. China-Restaurants befriedigten den neuen Hunger der Westdeutschen nach Internationalität. Die „Fremdheit“ der Chinesinnen und Chinesen war nun auf einmal ein Wettbewerbsvorteil, wobei die Speisen dem „deutschen Geschmack“ angepasst wurden, was den großen Erfolg chinesischen Essens überhaupt erst ermöglichte.

Die Hamburger Politik unterstützte chinesische Gastronom_innen in den 1960er Jahren, weil diese teilweise massive Probleme, chinesische Köche, Köchinnen und Kellner_innen zu finden und eine Arbeitserlaubnis für diese zu bekommen. Chinesische Köche gelangten nur über eine Ausnahmeregelung als „Spezialkräfte“ in die Bundesrepublik. In Hamburg erkannte die Politik jedenfalls sehr früh den „kulturellen Mehrwert“ von China-Restaurants, die einen willkommenen Mosaikstein im werbewirksamen Bild der internationalen Handelsmetropole bildeten.

Der Rassismus bleibt

Während die Presse in der Nachkriegszeit ein sehr positives Bild von chinesischen Migrantinnen und Migranten zeichnete und die Hamburger Bevölkerung oftmals zu einem Besuch eines China-Restaurants geradezu aufforderte, gehörte Diskriminierung weiterhin zum Alltag in der frühen Nachkriegszeit. Vor allem Kinder deutsch-chinesischer Paare berichten von dieser leidvollen Erfahrung, die sie trotz ihrer eigenen Hamburger Identität zu „Anderen“ machte. Hier zeigen sich auch die Kontinuitäten des Alltagsrassismus, der seit dem Kaiserreich und über die Jahrzehnte in unterschiedlicher Form existierte.

Seit den 1970er und 1980er Jahren wandelte sich die chinesische Community dann abermals. Der Wirtschaftsfaktor wurde zunehmend wichtiger und die Hamburger Politik hieß Unternehmen aus der Volksrepublik China sehr willkommen, bereits lange vor der China-Initiative des Hamburger Senats 2001. Wichtig war und ist die Städtepartnerschaft mit Shanghai seit 1986, die sowohl die politischen Kontakte (mit einigen Brüchen wie etwa 1989) verfestigte, aber auch den Austausch der jeweiligen Bevölkerung beispielsweise bei Besuchen von Jugendgruppen ermöglichte. „China in Hamburg“ ist heute von Seiten der Hamburger Politik sehr erwünscht, das der Handel mit China und chinesische Firmen ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor sind. Ein Chinesenviertel oder Chinatown wäre heute sehr willkommen, ganz anders als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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Von China auf die Große Freiheit

Chinesische Migration in Hamburg im 20. Jahrhundert
Karte: hamburg multidimensional
Autor_in Lars Amenda
Zuletzt bearbeitet: 12.12.2013
Global Link (Geografischer Bezug): China (Global Links Karte zeigen)
Adresse: Schmuckstraße, Schmuckstraße 5, St. Pauli, 20359 Hamburg
Koordinaten (Lat/Lon) 53.55122/9.960149
Kommentar

Foto aus:
Ludwig Jürgens: Sankt Pauli. Bilder aus einer fröhlichen Welt, Hamburg 1930, ohne Seitenzahl.

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Diskussion mit Marietta Solty

Donnerstag 29.8.2013
18.30 Uhr in der Ausstellung freedom roads!, Kunsthaus Hamburg, Klosterwall 15

Podiumsdiskussion
Verdrängte Geschichte(n):
Biographien von ChinesInnen in Hamburg
Einführung: Dr. Lars Amenda, Historiker, Hamburger Stadt- und Migrationsgeschichte
Marietta Solty, Zeitzeugin, Tochter von Chong Tin Lam
Tobias Hoss und Hannes Ruß, Filmemacher

Moderation: Christian Kopp

Kurzfilm Fremde Heimat (14 Min., chinesische Untertitel)

Veranstalter: freedom roads!, http://www.freedom-roads.de/frrd/hhverans.htm

Eintritt frei

Familie Chong

Auf Spurensuche: Ein Stück China auf St. Pauli
Die Hong Kong Bar war der Stolz der Familie Chong - bis die Gestapo kam: Das Schicksal des Wirtes und der Chinesenkolonie in Hamburg.

Artikel vom 26.01.12 im Hamburger Abendblatt von Irene Jung: http://www.abendblatt.de/kultur-live/article2169872/Auf-Spurensuche-Ein-Stueck-China-auf-St-Pauli.html

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