Gedenkstätte Neuengamme (Neuengamme)

"Ich kann nicht anders als an die Insel Gorée denken"

Biografische Notizen von Schwarzen Häftlingen im Konzentrationslager Neuengamme

Erstellt am 15.03.2012, zuletzt geändert am 12.12.2013 | hamburg postkolonial

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Elisabeth Mena Urbitsch

Im Konzentrationslager Neuengamme mit seinen über 80 Außenlagern waren von Dezember 1938 bis zum Kriegsende über 100.000 Menschen inhaftiert und der „Vernichtung durch Arbeit“ ausgesetzt. Etwa 90 Prozent der Männer und Frauen kamen aus dem Ausland, vor allem aus den Ländern, die das nationalsozialistische Deutschland besetzt hatte. Viele der westeuropäischen Staaten waren in jener Zeit noch Kolonialmächte. Dort lebten Eingewanderte aus den damaligen Kolonien, vor allem aus der Karibik sowie West- und Nordafrika. So befanden sich unter den Gefangenen auch People of Colour 1. Die Ausstellung in Neuengamme zeigt einige kurze Ausschnitte aus einem Interview mit John William und die Biografiemappe von Waldemar Nods aus den Niederlanden beziehungsweise aus Surinam. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte des Pressefotografen Dominique Mendy sowie des Sängers John William.

Bei den meisten Inhaftierten aus den kolonisierten Ländern wurde als Herkunftsland die Kolonialmacht registriert. Deshalb lässt sich nicht rekonstruieren, wie viele Schwarze Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern gewesen sind 2 – sofern die Herkunft dies überhaupt ausweisen würde. Die Lebensgeschichten einiger Dutzend Schwarzer Männer konnten aber zurückverfolgt werden. Schwarze Deutsche, die in Neuengamme aus politischen, aus „rassistischen“ oder anderen Gründen inhaftiert waren, sind bisher nicht bekannt.

In der Regel wurden Männer und Frauen aus den besetzten Ländern in Konzentrationslager deportiert, weil sie in ihren Ländern oder als verschleppte Zwangsarbeiter_innen in Deutschland tatsächlich oder angeblich im Widerstand gewesen waren oder bei der Arbeit Sabotage betrieben hatten. In Neuengamme war eine Hand voll Männer aus den damaligen Kolonien Frankreichs und anderer Staaten inhaftiert, deren Lebensgeschichten verschiedene Autoren_innen rekonstruiert haben. 4 Bei weiteren, einigen Dutzend Häftlingen, sind deren außereuropäische Geburtsorte in den heute noch vorhandenen Akten der SS verzeichnet oder ihr Name verweist auf eine familiäre Herkunft aus meist arabischsprachigen Ländern. Die meisten Schwarzen Häftlinge waren entweder aus den Kolonialgebieten in die „Mutterländer“ Frankreich und Niederlande eingewandert oder sie waren die Kinder von Eingewanderten oder von weißen Europäern mit Frauen aus den kolonisierten Ländern. Die Deportierten hatten sich am Widerstand gegen die Nationalsozialist_innen beteiligt und waren deshalb – oder als „Geiseln“ – ins Konzentrationslager deportiert worden.

Die Schwarzen Häftlinge erlitten die für politische Häftlinge typische, leidvolle Behandlung: Folter in Gestapohaft, Internierung in einem Sammellager und schließlich Transport nach Neuengamme oder zuerst in ein anderes KZ. Sie hatten sich oft schon vor dem Krieg an politischen und sozialen Befreiungsbewegungen beteiligt, insbesondere in kommunistischen Organisationen, die Schwarzen zu dieser Zeit am ehesten offen standen. Einige Schwarze hatten sich aber auch in antikolonialen, antirassistischen oder nationalen Befreiungsbewegungen engagiert, oft in Beziehung zur internationalen Arbeiterbewegung.

In einigen Lebensläufen schimmern die besonderen Bedingungen durch, denen Schwarze in den Kolonialgesellschaften ausgesetzt waren.
Insbesondere die Biografien von John William und Dominique Mendy mit ihrer unterschiedlichen Sozialisation und Lebensgestaltung, verweisen auf unterschiedliche Positionierungen im Kampf gegen Rassismus und für Gleichheit. Im Folgenden sollen beide portraitiert werden.

Der Pressefotograf Dominique Mendy

Dominique Amigou Mendy wurde am 4. August 1909 in Ziguinchor im Senegal geboren. 5
Er diente schon als Kind im Ersten Weltkrieg als tirailleur sénégalais (Senegalschütze), wie die Schwarzen Truppen bezeichnet wurden. Später arbeitete er auf den Feldern seiner Eltern und ging dann nach Dakar, wo er als Mechaniker bei der Handelsmarine arbeitete. Es ergab sich für ihn die Möglichkeit, nach Frankreich zu gehen, um dort eine Ausbildung zum Fotografen zu machen. Mendy blieb in Frankreich und arbeitete als Pressefotograf für namhafte Zeitungen.

Bei Ausbruch des Krieges 1939 meldete sich Mendy freiwillig zur Armee und schloss sich nach der französischen Kapitulation Mitte Juni einer Widerstandsgruppe an. Seine Aufgabe war es, britische Fallschirmspringer zu verstecken und Waffen zu den kämpfenden Einheiten zu bringen. Mendy wurde jedoch verraten, von der Gestapo gefangen genommen und gefoltert. Am 21. April 1944 wurde er in das Lager Drancy bei Paris gebracht. Man verurteilte ihn zum Tode, deportierte ihn dann aber in das KZ Neuengamme, wo man ihn am 24. Mai ins Stammlager einwies.

Bei der Ankunft in Neuengamme wurde Mendy von den anderen Gefangenen aus Frankreich getrennt und verhört. Er stellte sich, so schildert Mendy es, dumm und sagte, die Franzosen hätten ihn aus Dakar verschleppt. Ihm wurde im KZ ein Posten zur Verrichtung von Hausarbeiten zugewiesen. Die SS-Leute bezeichneten ihn als „Bimbo“, schikanierten ihn, und verprügelten ihn eines Tages mit 50 Schlägen. Der Kommandant und seine Frau hätten es aber gut gemeint und ihm ab und zu einen Apfel oder eine Birne zugesteckt, so Mendy.

Ende April 1945 musste Dominique Mendy im Zuge der „Evakuierung“ des Lagers zu Fuß in Richtung Lübeck marschieren, konnte aber vom dänischen oder schwedischen Roten Kreuz gerettet werden. Dominique Mendy ging in den Senegal zurück, heiratete und arbeitete bis 1980 als persönlicher Fotograf des Präsidenten Léopold Senghor, der selbst als französischer Soldat in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen war. Mendy erhielt in Frankreich und im Senegal mehrere Auszeichnungen. 1982 wurde er zum Mitglied der Ehrenlegion (Légion d’honneur) ernannt. Er starb am 30. Juni 2003 in Dakar.

Mendy gab seinen Leiderfahrungen die folgende Sinngebung:

„Heute, wenn ich mich an all das erinnere, kann ich nicht anders als wieder an die Insel Gorée zu denken, von wo aus unsere Vorfahren aufgebrochen sind als Sklaven für Frankreich, für Europa und für Amerika. Sie haben Prügel kennen gelernt, Fußtritte, sie haben den Tod gefunden. Nun gut, auch wir, in dem Lager, wir haben das Gleiche erlebt. Wir sind letztendlich durch die gleiche Prüfung gegangen wie unsere Vorfahren.“

Mendys Identifikation mit afrikanischen Sklav_innen geschieht im Zusammenhang mit der Betonung seiner Rolle als Retter von weißen Franzosen:

„Es passierte auch, dass ich direkt zur SS ging und geradeheraus sagte, dass ich Hunger hatte. Und jedes Mal gaben sie mir ein Stück trockenes Brot, das ich mit den anderen teilte. So habe ich vielen Franzosen geholfen. Ich rettete sie vor dem Tod, indem ich dafür sorgte, dass sie etwas zu essen hatten.“

Mendy präsentierte sich hier als „Untergebener“, der seinen „Herren“ durch das eigene Opfer, nämlich seine Selbsterniedrigung durch sein Dummstellen, sogar das Leben schenkt und so eigentlich die Hierarchie umkehrt. Seine Worte lassen sich als Kritik der kolonialen Herrschaft lesen.

Der Sänger John William

John William, mit bürgerlichem Namen Ernest Armand Huss, war in den 1950er und 60er Jahren ein international erfolgreicher Sänger. Er veröffentlichte 1990 seine Autobiografie „Si toi aussi, tu m’abandonnes…“, die leider nicht ins Deutsche übersetzt ist. 6 Geboren wurde William am 9. Oktober 1922 in Abidjan, Côte d’Ivoire, als unehelicher Sohn einer Schwarzen Mutter und eines weißen Franzosen. Der Vater zog mit William nach Paris, als dieser acht Jahre alt war. 1939 machte er eine Ausbildung als Mechaniker und besuchte später eine Technische Schule.

Als die Deutschen Paris besetzten, arbeitete William in einem Betrieb, der Suchgeräte für Flugzeuge produzierte. Ein Arbeitskollege setzte Sprengladungen in die Geräte ein. Nachdem diese explodierten, wurden William und einige andere Arbeiter am 9. März 1944 als „Geiseln“ verhaftet und inhaftiert. Im Gefängnis wurde William gefoltert. Da er den Namen des Saboteurs nicht verriet, brachte man ihn zunächst in das Lager Compiègne und am 24. Mai in das KZ Neuengamme. Hier wurde er in einem Block mit jugendlichen Häftlingen untergebracht. Die SS setzte William als Facharbeiter in den „Metallwerken“ ein, der Waffenfabrik der Firma Walther auf dem KZ-Gelände.

Bei der Räumung des Lagers Ende April 1945 brachte die SS John William auf eines der kleineren „KZ-Schiffe“ in der Lübecker Bucht, die nicht auf See gingen. Er gehörte zu den Häftlingen, die vom Schwedischen Roten Kreuz gerettet werden konnten. William ging nach Paris zurück und begann eine Ausbildung in Gesang. Er hatte sehr bald großen Erfolg als Sänger und freute sich besonders, dass 1952 der Titel „Je suis un Nègre“ ein Publikumserfolg wurde, da er dies als Ausdruck der Akzeptanz sah, wie er in seiner Autobiographie erklärte. Ab 1969 stieg John William, der auch oft als Interpret in internationalen Filmproduktionen mitgewirkt hatte, aus dem Showgeschäft aus und sang von nun an als einer der Ersten in Frankreich Spirituals und Gospels in Kirchen. Er erhielt mehrere Auszeichnungen und 2005 den Orden der Ehrenlegion. Am 8. Januar 2011 verstarb John William.

Ähnlich wie Mendy machte auch William die Erfahrung, für dumm gehalten zu werden:

„Eines Tages kam ein SS-Oberst ins Lager. Und er kam die ‚Metallwerke‘ besuchen, wo ich arbeitete. Die Metallwerke waren eine Stelle, an der echte Präzisionsarbeit gemacht wurde. Es wurden vor allem Maschinenpistolen gefertigt und man bekam 15 Zigaretten im Monat. Ich erinnere noch, wie dieser Oberst an meinen Platz kam und mich ratlos anschaute. Er verstand wirklich nichts. Man hatte ihm gesagt, die Afrikaner seien Neandertaler, und er verstand nicht, wie ich, ein Afrikaner, es schaffte, technische Pläne zu lesen, die auf Deutsch geschrieben waren und den Stahl auf den hundertstel Millimeter genau zu bearbeiten. Das hat ihm vollkommen den Atem verschlagen. Er beobachtete mich bei der Arbeit mindestens zehn Minuten lang und da ihn das wirklich aus der Ruhe brachte, ließ er schließlich einen Übersetzer kommen, um mich zu befragen. Nun, natürlich, auf jede Frage, die er stellte, legte ich mich ins Zeug, ihm auf Deutsch zu antworteten, bevor der Übersetzer zum Zuge kam. Als er ging, hätte man ihn den Kopf schütteln sehen müssen. Als er zuhause war, musste er sich sicherlich Fragen stellen zur Behauptung der Überlegenheit der ‚arischen Rasse‘.“

Anders als bei Mendy ist Williams Interpretationsrahmen ein universalistischer, allgemein-menschlicher. Es geht ihm um den Menschen als Sklaven und weniger um Sklaverei als eine spezifische Erfahrung von Afrikaner_innen.

„Wir waren gleichsam Sklaven, Millionen von Sklaven“, schreibt William, als er den Häftlingsalltag schildert. „Die Entdeckung des Lebens in Neuengamme war für uns, Tag für Tag, eine sehr harte Überraschung. Niemals hätte man sich vorstellen können, dass menschliche Wesen im 20. Jahrhundert anderen Menschen auf eine so fürchterliche Art Leiden zufügen könnten. Vom ersten Kontakt an ließen unsere Wächter uns wissen, dass wir nicht mehr waren als Nummern. Sie hatten von nun an das Recht über unser Leben und unseren Tod. Sie folgerten, in einem überlegenen Ton, als würden sie sich an wilde Tiere wenden: ‚Macht euch keine Illusionen! Die Außenwelt hat euch total vergessen!‘“

Das Konzentrationslager Neuengamme

Ende 1938 errichtete die SS in einer stillgelegten Ziegelei in Hamburg-Neuengamme ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, das im Frühsommer 1940 verstärkt und dann als eigenständiges KZ direkt der Inspektion der Konzentrationslager unterstellt wurde.
Im Verlauf des Krieges deportierten die Gestapo und der Sicherheitsdienst der SS Zehntausende Menschen aus allen besetzten Ländern Europas als KZ-Häftlinge nach Neuengamme. Gründe für die Einweisung waren zumeist ihr Widerstand gegen die deutsche Besatzungsherrschaft, Auflehnung gegen Zwangsarbeit oder rassistisch motivierte Verfolgung.

Insgesamt wurden im KZ Neuengamme nach gegenwärtigen Erkenntnissen über 80.000 Männer und mehr als 13.000 Frauen mit einer Häftlingsnummer registriert; weitere 5.900 Menschen wurden in den Lagerbüchern gar nicht oder gesondert erfasst. Im Konzentrationslager Neuengamme und in den über 85 Außenlagern, die ab 1942 – und vor allem 1944 – für Bauvorhaben und bei Rüstungsfirmen in ganz Norddeutschland entstanden, mussten die Häftlinge Schwerstarbeiten für die Kriegswirtschaft leisten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren mörderisch. Noch kurz vor Kriegsende starben über 16.000 Häftlinge auf Todesmärschen und -transporten, in Sterbelagern und bei dem Bombardement von KZ-Schiffen.
Insgesamt kamen mindestens 42.900 Menschen im Stammlager Neuengamme, in den Außenlagern oder im Zuge der Lagerräumungen ums Leben. Zusätzlich sind mehrere tausend Häftlinge nach ihrem Abtransport aus dem KZ Neuengamme in anderen Konzentrationslagern oder nach Kriegsende an den Folgen der KZ-Haft gestorben.
Vermutlich mehr als die Hälfte der 100.400 Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme haben die nationalsozialistische Verfolgung nicht überlebt. 6

1 „Schwarz“ und „of Colour“ werden als (heutige) politische Begriffe und Eigenbezeichnungen verwendet.

2 Auf die in Kriegsgefangenenlagern inhaftierten Soldaten, die Frankreich, England und andere Staaten in den kolonisierten Ländern rekrutiert hatten, geht dieser Artikel nicht ein.

3 Eine ausführliche Darstellung mit allen Quellenangaben sowie mit zahlreichen Literaturhinweisen findet sich in: Rosa Fava (Hg.): Schwarze Häftlinge im KZ Neuengamme – biografische Notizen und Rekonstruktionsprobleme. In: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 12, Edition Temmen 2010, Bremen 2010.

4 Die Angaben sind zusammengestellt aus folgenden Quellen:
Christine Alonzo und Peter Martin (Hg.): Zwischen Charleston und Stechschritt, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2004.
Serge Bilé (Hg.): Noirs dans les camps nazis, Editions du Rocher, Monaco 2005
Pierette Herzberger-Fofana: Dominique Amigou Mendy (1909-2003), rescapé du camp de concentration de Neuengamme. (abgerufen am 23.06.2005).

5 Alle Angaben nach Williams Autobiografie. John William (Hg.) : „Si toi aussi, tu m’abandonnes…“, Paris 1990

6 KZ-Gedenkstätte Neuengamme

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"Ich kann nicht anders als an die Insel Gorée denken"

Biografische Notizen von Schwarzen Häftlingen im Konzentrationslager Neuengamme
Karte: hamburg postkolonial
Autor_in Rosa Fava
Zuletzt bearbeitet: 12.12.2013
Global Link (Geografischer Bezug): Senegal; Frankreich; Niederlande; Elfenbeinküste; Karibik; Surinam (Global Links Karte zeigen)
Adresse: Gedenkstätte Neuengamme, Jean-Dolidier-Weg 75, Neuengamme, 21039 Kröppelshagen-Fahrendorf
Koordinaten (Lat/Lon) 53.42743/10.22679

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