Terminal (Altenwerder)

First People, last to be protected

Altenwerder: Knotenpunkt des kanadischen Uranexports nach Europa

Erstellt am 19.12.2020, zuletzt geändert am 22.05.2022 | hamburg energie

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SAND

Mehr als 6000 Tonnen Uranhexafluorid (UF6) wurden 2020 am Terminal Altenwerder umgeschlagen. Wie gefährlich diese Transporte sind, zeigte sich nicht zuletzt beim Brand der Atlantic Cartier 2013. Doch nicht nur der Transport birgt Risiken. Auch die Folgen des Uranabbaus, etwa in Kanada, sind verheerend. Trotz der seit vielen Jahren anhaltenden Proteste der First Nations trifft leider der Slogan heute immer noch zu: “First people, last to be protected”.

Das Bild Kanadas in der deutschen Öffentlichkeit ist meist eines von Flüssen und Wäldern, von Nationalparks und Grizzlybären. Häufig genug wird das Land als bessere Alternative zu den USA wahrgenommen. Doch Kanada ist ein Staat, der seine natürlichen Ressourcen in einem enormen Ausmaß ausbeutet: Ölsande in Alberta oder der Nickel- und Kobaltabbau, bei dem das Land jeweils zu den fünf wichtigsten Förderländern weltweit gehört.1

Auch beim Uran ist Kanada ein international wichtiger Player. Es extrahiert mehr Uran als Australien. Mit einer Förderung von 6938 Tonnen im Jahr 2019 nahm es den zweiten Platz der Förderländer hinter Kasachstan ein.2 Historisch betrachtet ist Kanada sogar mit Abstand das größte Förderland: Insgesamt 524.000 Tonnen der jemals geförderten Uranmenge, etwa ein Sechstel der gesamten Uranproduktion weltweit, stammen von dort.3

In Europa wird Atomkraft häufig noch als saubere Energieform wahrgenommen, so lange es nicht zu einem Störfall kommt. Doch bei der Förderung von Uran verbleibt der weitaus größte Teil (99%) des radioaktiven Urans in den Absetzbecken der Mienen (tailings) zurück, da es sich um Isotope handelt, die nicht als Kernbrennstoff taugen. 4 Nach Jahrzehnten der Uranförderung sind diese tailings häufig in einem katastrophalen Zustand, insbesondere, wenn die Förderung der Miene bereits eingestellt wurde. In den USA werden diese Gebiete daher häufig als „National Sacrifice Area “ ausgewiesen, als nationale Opfergebiete, bei denen der Versuch, sie zu sichern oder von der Biosphäre abzuschließen, aufgegeben wurde. (ebd.)

Das koloniale Erbe

Der enorme Ressourcenverbrauch des globalen Nordens beruht seit vielen Jahrhunderten auf dem häufig gewaltsam durchgesetzten Zugriff des Nordens auf die Ressourcen des Globalen Südens. Dieser Befund ist nicht neu, doch nicht selten wird übersehen, das es in in Amerika einen solch kolonialen Zugriff auch auf das Land der First Nations gibt. Im Falle Kanadas kommt das Uran aus den „nie abgetretenen Gebieten“ der Dene und aus der Elliott Lake Region. 5

Seit vielen Jahren organisiert sich dagegen Widerstand. 2015 beispielsweise verhinderten die James Bay Cree neue Uranminen in der Provinz Quebec, und setzten ein de facto moratorium durch. (Foto) https://www.cbc.ca/news/canada/montreal/cree-youth-walk-850-km-to-protest-against-uranium-mining-in-quebec-1.2872456
Aus Protest gegen die im Bundesstaat Quebec geplanten Uranmienen lief eine Gruppe von rund 20 jungen Aktivist*innen rund 850 Km von Mistissini nach Montreal um dort eine Pettition gegen den Uranabbau zu übereichen. Matthew Coon Come, Grand Chief der James Bay Cree Nation unterstützte diese Aktion und forderte: “Let’s all say no to uranium.” https://www.cbc.ca/news/canada/montreal/cree-walkers-against-uranium-mining-arrive-in-montreal-after-850-km-walk-1.2873649

Den Rechtsstreit gegen die bereits weit fortgeschrittenen Vorbereitungen des Konzern Strateco konnten die Cree im Oktober 2020 schließlich vor dem kanadischen Supreme Court zu ihren Gunsten entscheiden. Eine Entscheidung die Matthew Coon Come mit den Worten: “We are committed to protecting our environment and our way of life from the unacceptable risks that uranium mining presents, now and for future generations,” kommentierte.
Filmtip: The Wolverine: The Fight of the James Bay Cree (2014)

Trotz dieses Widerstandes liegen die weltweit größten Uranmienen auf dem Land der Cree und Dené. Cigar Lake und Mc Arthur River, beide in der Provinz Saskatchewan gelegen, zeichnen sich dabei nicht nur durch ihre Größe, sondern auch durch den hohen Urananteil von bis zu 13% des dort geförderten Erzes aus. Noch vor Ort wird das Uranerz in Uranerzkonzentrat sog. Yellow Cake (U3O8) verarbeitet, das dann zu etwa 75 % aus Uran besteht. Der Rest des Erzes, zusammen mit einem enormen Inventar an weiteren radioaktiven Substanzen, endet in riesigen Absetzbecken unter freiem Himmel.

Vom Erz zum Kernbrennstoff

Mit Uran verhält es sich anders als mit z.B. Kohle. Es ist kein „Rohstoff“, der nur ausgegraben werden muss, und dann direkt verbrannt werden kann wie z.B. Braun und Steinkohle. Obwohl der Begriff „Kernbrennstoff“ anderes impliziert, stellt das im Reaktor verwendete Uran ein hochveredeltes Industriemetall dar. Bevor das in Mc Arthur oder Cigar Lake geförderte Uran in einem Reaktor verwendet werden kann, muss es zunächst in Yellow Cake umgewandelt werden, was meist noch vor Ort an den Mienen geschieht. Im Weiteren braucht es dann spezielle Verfahren der Veredelung und Umwandlung, die z.T. militärisch relevant sind (Anreicherung) und daher nur an wenigen Orten weltweit durchgeführt werden. Industriell arbeitende Konversionsanlagen gibt es weltweit lediglich fünf, Anreicherungsanlagen nur acht.

Kanada verfügt mit der Anlage in Port Hope über die viertgrößte Konversionsanlage weltweit mit einer Kapazität von 9200t in 2019 (https://www.wise-uranium.org/umaps.html?set=conv). In zwei Verfahrensschritten wird dort das feste Uranoxid (U3O8) des Yelow Cakes in gasförmiges Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt, da sich nur dieses für den nächsten Verarbeitungsschritt, der Urananreicherung nutzen lässt.
Notwendig ist diese Anreicherung für die im Westen verbreiteten Leichtwasserreaktoren, die eine Kettenreaktion erst ab einem Gehalt von 3%-5% Uran 235 erhalten können, Natururan jedoch enthält lediglich 0,7% dieses Isotops.
Militärisch hoch sensibel ist dieser Verabeitungschritt, weil er ohne Weiteres auch eine Anreicherung zu waffenfähigem Material ermöglicht. Auf dem amerikanischen Kontinent ist dies lediglich in einer US-Amerikanischen Anreicherungsanlage möglich. Alle anderen Anlagen stehen in Europa und Asien, und machen Seetransporte notwendig. Daher wird laut Gordon Edwards von der Canadian Coalition for Nuclear Responsibility http://www.ccnr.org/ rund 85% der kanadischen Uranproduktion exportiert.

Hamburg: Drehkreuz kanadischer Uranexporte

Um die Anreicherungsanlagen Almelo (NL) und Gronau in Europa zu erreichen bietet es sich an, den größten Hafen an der Kanadischen Westküste, Montreal, zu nutzen.
Als einzige nicht kanadische Firma verfügt die Hamburger Reederei Hapag Lloyd dort über einen eigenen Terminal und bietet zusammen mit der Rederei OOCL einen Lieniendienst von Montreal nach Southhampton, Antwerpen und Hamburg an.
Nach einer Auswertung kleiner Anfragen in der Hamburger Bürgerschaft (https://sand.blackblogs.org/2020/12/15/2017-2020-atom-transporte-von-uranerzkonzentrat-und-uf6-in-den-hafen-von-hamburg/) wurden von den 9200t Uranhexafluorid, die 2019 in Port Hope produziert wurden, fast die Hälfte (4200t) über den Hamburger Hafen umgeschlagen. Mehr als einmal im Monat (15 Transporte) landen dabei zwischen 16 und 24 48Y-Spezialbehälter am Terminal Altenwerder an, und wurde auf die Schiene Richtung Gronau und Almelo gesetzt.

Der Hamburger Hafen stellt daher das wichtigste Drehkreuz für den Export kanadischen Urans dar, und die Hamburger Reederei Hapag Lloyd bewerkstelligt dies.
Mit Almelo in den Niederlanden wird so die weltweit zweitgrößte Urananreicherungsanlage versorgt sowie ihre Schwesteranlage in Gronau die im internationalen Vergleich Platz vier belegt. Zusammen wird im deutsch-niederländischen Grenzgebiet durch die beiden Anlagen des Urenco Konzerns rund ein Fünftel des gesammten Urans weltweit angereichert.

Möglicherweise werden bis Ende 2022 alle in Deutschland betriebenen AKW stillgelegt, ein Erfolg des jahrzehntelangen, hartnäckigen Widerstandes der Anti-Atom-Bewegung.
Die international jedoch wichtigste Atomanlage, die Uranfabrik in Gronau ist vom Ausstiegsbeschluss nicht berührt, und kann unbefristet weiter laufen. Ein Ende der Atomtransporte über den Hamburger Hafen ist daher nicht abzusehen, ganz im Gegenteil. Bis Mitte November 2020 wurde bereits mehr kanadisches Uranhexafluorid im Hamburger Hafen umgeschlagen, als im Vorjahr.

1 https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/DE/Rohstoffinformationen/L%C3%A4nderkooperationen/Laender/Kanada/kanada_node.html

2 https://www.wise-uranium.org/umaps.html?set=annu

3 https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/geschichte-koloniales-erbe.html

4 https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/der-weg-des-urans-aus-der-erde-in-die-sackgasse.html

5 https://www.nuclear-free.com/uranatlas-artikel/articles/geschichte-koloniales-erbe.html

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Altenwerder: Knotenpunkt des kanadischen Uranexports nach Europa
Karte: hamburg energie
Autor_in Daniel Manwire
Zuletzt bearbeitet: 22.05.2022
Global Link (Geografischer Bezug): Kanada (Global Links Karte zeigen)
Adresse: Terminal , Am Ballinkai 1, Altenwerder, 21129 
Koordinaten (Lat/Lon) 53.50365/9.936407

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