{"address":"Johannisbollwerk 8","category_id":null,"city":"Hamburg","comment":"","content":"Das bronzene Gedenkbuch an den Landungsbr\u00fccken verweist auf die global vernetzte Geschichte Vietnams, die durch zahlreiche Kolonialkriege, weitr\u00e4umige Zerst\u00f6rung, extreme Verarmung und Massenexodus zu den tragischsten des 20. Jahrhunderts geh\u00f6rt. F\u00fcr mich als wissenschaftlich und politisch denkenden Autor, der \u00fcber einen anderen Weg August 1979 in West-Berlin ankam und damit selbst Teil dieser Geschichte ist, bietet diese zeithistorische Retrospektive auch die M\u00f6glichkeit, zur Selbstaneignung der eigenen Geschichte beizutragen.[1] Sie ist einer asiatisch-deutschen Community gewidmet, die auf dem Weg ist, ihre eigene Verstrickung in der Weltgeschichte aufzuarbeiten und sich der rassistischen Gegenwart bewusst zu werden.\r\n\r\nNachdem Vietnam in den 1960ern Jahren in Ost- wie Westdeutschland sowohl im linken wie im rechten Spektrum Projektionsfl\u00e4che vielf\u00e4ltiger ideologischer Auseinandersetzungen war, entsteht mit dem Ende des Vietnamkrieges (1975) eine neue geopolitische Situation. Der Zusammenbruch des mit dem Westen verb\u00fcndeten Regimes in S\u00fcdvietnam l\u00f6st eine ungeheure Fluchtwelle aus. Durch ein B\u00fcndel miteinander verflochtener politischer, \u00f6konomischer, ethnisch-kultureller und famili\u00e4rer Fluchtmotive und -ursachen (u.a. politische Repressionen, anti-kommunistische Aversionen, Verelendung und Enteignung, Wunsch nach Familienzusammenf\u00fchrung, Verfolgung ethnisierter Minderheiten) schwillt der Exodus weiter an. Zwischen 1976 und 1986 fliehen sch\u00e4tzungsweise etwa 1,5 Millionen Boat People aus Vietnam.\r\n\r\nDie Boat People lassen sich grob in drei Gruppen unterteilen, die unterschiedliche Phasen der Fluchtbewegung mit ihren verschiedenen politischen und sozio-\u00f6konomischen Kontexten charakterisieren: Zun\u00e4chst versuchen vor allem Angeh\u00f6rige und Anh\u00e4nger_innen des s\u00fcdvietnamesischen Regimes sich in Sicherheit zu bringen; dann werden im Zuge der nationalistisch aufgeladenen Wiedervereinigungspolitik sogenannte ethnische Minderheiten wie Khmer\u2011, Hmong- und chinesischst\u00e4mmige Hoa-Communities verst\u00e4rkt diskriminiert und ins Exil getrieben; ab 1980 \u00fcberwiegt unter den Boat People der Anteil der vietnamesischen Migrant_innen, die der grassierenden Armut und Perspektivlosigkeit zu entkommen suchen. Nach unterschiedlichen Sch\u00e4tzungen kommen im Zuge dieser Flucht zwischen 200.000 und 500.000 Menschen durch Havarien, St\u00fcrme, Krankheiten, Nahrungs- und Wassermangel, Piratenangriffe und anderen Gefahren um.[2]\r\n\r\nh4. Der deutsche Diskurs \u00fcber die Boat People\r\n\r\nIm damaligen linken politischen Spektrum der Bundesrepublik sind die Reaktionen zweigeteilt: Etliche kommunistische Organisationen, die ihre Politik von den Positionen Moskaus abh\u00e4ngig machen, sehen in den Boat People vor allem Kollaborateure des US-Imperialismus\u2019, kapitalistische Profiteure und Unterst\u00fctzer_innen eines gest\u00fcrzten Regimes.[3] Teilweise trifft das auch auf maoistische Kaderparteien wie den in Hamburg zu der Zeit relativ stark vertretenen Kommunistischen Bund zu, dessen Mitglieder in dieser Frage mehrheitlich Peking zugewandt sind. Mit der Verschlechterung des chinesisch-vietnamesischen Verh\u00e4ltnisses, das 1979 mit dem Ausbruch des kurzen, aber f\u00fcr beide Seiten verlustreichen Grenzkrieges und der massenhaften Flucht der chinesischst\u00e4mmigen Hoa vor allem aus S\u00fcdvietnam seinen Tiefpunkt findet, verschieben sich in diesem politischen Spektrum auch die Wahrnehmungen und Einsch\u00e4tzungen.\r\n\r\nDemgegen\u00fcber zeigen sich viele antiautorit\u00e4re Linke wie etwa Rudi Dutschke angesichts der katastrophalen Nachrichtenlage schon sehr fr\u00fch \u00fcber die M\u00f6glichkeiten sozialistischer Politik in Vietnam desillusioniert. Aufger\u00fcttelt durch schockierende Bilder in Zeitungs- und Fernsehberichten \u00fcber v\u00f6llig ausgemergelte, todgeweihte Fl\u00fcchtende versuchen linke Menschenrechtsaktivisten wie Heinrich B\u00f6ll und Rupert Neudeck, ihr humanit\u00e4res Mitgef\u00fchl durch die tatkr\u00e4ftige Organisation praktischer Hilfsma\u00dfnahmen auszudr\u00fccken. In einer seltenen Koalition, die sogar f\u00fchrende Redakteure des ansonsten verfemten Axel-Springer-Konzerns einschlie\u00dft, wird 1979 mit Unterst\u00fctzung prominenter Pers\u00f6nlichkeiten die Organisation \u201eEin Schiff f\u00fcr Vietnam\u201c aus der Taufe gehoben, um ein Rettungsschiff ins S\u00fcdchinesische Meer zu entsenden. Aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades benennt sich die Hilfsorganisation sp\u00e4ter nach ihrem Rettungsschiff um: Die \u201eCap Anamur\u201c rettet im Laufe des Projektes zwischen 1979 und 1986 etwas mehr als 10.000 Boat People aus dem S\u00fcdchinesischen Meer und \u00fcberf\u00fchrt sie als Kontingentfl\u00fcchtlinge mit Zustimmung der Bundregierung nach Deutschland.[4]\r\n\r\nDie medialen Reaktionen auf den vietnamesischen Exodus fallen eindeutig aus: Viele Medienberichte beklagen unisono in gro\u00dfen Aufmachern und sich wiederholenden Leitartikeln auf der ersten Seite die humanit\u00e4re Katastrophe auf hoher See, oftmals in sehr emotionalisierenden Bildern und drastischen Worten.[5] Ebenso scharf wird die Politik der kommunistischen Regierung verurteilt, wodurch nicht nur eine ideologische Abrechnung mit der antiimperialistischen 68er-Bewegung und den antikolonialen Befreiungsk\u00e4mpfen in der Dritten Welt vorgenommen wird. Im gleichen Zuge erf\u00e4hrt auch der verlorengegangene Vietnamkrieg der USA als missgl\u00fcckter Schutz von demokratischen Werten und Menschenrechten eine positive Aufwertung.[6] Dies l\u00e4sst sich etwa am Beispiel der damaligen Berichterstattung der Hamburger Wochenzeitung \u201eDIE ZEIT\u201c gut verfolgen.\r\n\r\nh4. Die ZEIT-Hilfsaktion von 1979\r\n\r\nEine besonders gro\u00dfe Auswirkung hat die aufw\u00fchlende Reportage von Josef Joffe. \u00dcber mehrere Zeitungsseiten hinweg beschreibt der Journalist eindringlich das Lagerleben auf der malaiischen Insel Pulau Bidong als \u201eStehplatz in der H\u00f6lle \u2013 das Vietnam-Drama geht weiter\u201c (6. Juli 1979)[7]. Um die Aufnahmebereitschaft in Deutschland zu f\u00f6rdern, stellt der Bericht Parallelen zum Schicksal der deutschen Vertriebenen in der Nachkriegszeit her, wodurch auch eine Selbstviktimisierung erfolgt. Der sp\u00e4tere Mitherausgeber der ZEIT zieht hier alle journalistischen Register, die effektiv auf die Betroffenheit des Publikums zielen. Besonders fragw\u00fcrdig ist der Rekurs auf die NS-Politik, wenn der Journalist das Auffanglager Pulau Bidong mit einem \u201eKonzentrationslager\u201c vergleicht. Wenige Tage sp\u00e4ter kn\u00fcpft ZEIT-Herausgeberin Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff in ihrem Leitartikel vom 27. Juli 1979 an diese Gedankeng\u00e4nge an: Mit kolonial-nostalgischen Begriffen setzt sie das \u201eFl\u00fcchtlingsdrama in Indochina\u201c mit ihren eigenen Erinnerungen als Vertriebene in Beziehung, die beide als \u201eV\u00f6lkerwanderung des zwanzigsten Jahrhunderts\u201c charakterisiert werden. Die Wahl der journalistischen Begrifflichkeiten ist bei Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff nicht weniger fragw\u00fcrdig, wenn sie Bestechungen an kommunistische Polizeibeamte als \u201eReichsfluchtsteuer\u201c tituliert oder ohne kritischen Kommentar einen ungenannten thail\u00e4ndischen General mit der Bemerkung zitiert: \u201eDie Vietnamesen machen mit ihren Minderheiten, was die Nazis mit den Juden machten. Nur benutzen sie statt Gas\u00f6fen das Meer \u2013 das ist billiger\u201c.[8] Die politische Instrumentalisierung der NS-Geschichte wird in der ZEIT auch durch Schlagzeilen wie \u201eBarbarei in Vietnam\u201c verst\u00e4rkt, die unwillk\u00fcrlich auf die \u201ebarbarische NS-Politik\u201c in Deutschland anspielen.\r\n\r\nAngesichts der konstatierten humanit\u00e4ren Katastrophe ist f\u00fcr die ZEIT-Redaktion die Situation klar, und Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff verk\u00fcndet den Entschluss der Zeitung, sich als politischer Akteur zu bet\u00e4tigen: \u201eWir m\u00fcssen helfen\u201c. Die Zeitung bietet von sich aus an, einen Teil der Kosten f\u00fcr Sprachunterricht und Betreuung der Gefl\u00fcchteten zu \u00fcbernehmen. Mit Unterst\u00fctzung des Hamburger Senats und in Kooperation mit dem deutschen Roten Kreuz wird nach lediglich 24-st\u00fcndiger Konsultation die Entscheidung getroffen, 250 Boat People in Hamburg aufzunehmen. Der Spendenaufruf der ZEIT findet wie andere Charity-Aktionen zu diesem Thema eine starke Resonanz bei der Bev\u00f6lkerung. Bereits nach einer Woche sind 626.500 DM auf das Konto der ZEIT eingegangen. Darunter ragt die Einzelspende des Hamburger Industriellen Kurt K\u00f6rber heraus, der eine halbe Million zur Verf\u00fcgung stellt. Neben Geld gehen bei der Redaktion eine Reihe weitere Angebote f\u00fcr Arbeits- und Ausbildungspl\u00e4tze, Adoptionen, Sprach- und Musikunterricht, Patenschaften und Wohnunterk\u00fcnfte ein. Am 3. August 1979 meldet die ZEIT, dass drei Rot-Kreuz-Mitarbeiter in ihrem Auftrag auf der Fl\u00fcchtlingsinsel Pulau Bidong sind, um Boat People nach den Kriterien der \u201edringendsten Not\u201c und des \u201eFamilienzusammenhalts\u201c f\u00fcr die Weiterreise nach Hamburg auszuw\u00e4hlen: \u201eDie zust\u00e4ndigen Hamburger Beh\u00f6rden und das Ausw\u00e4rtige Amt in Bonn, das Innenministerium, der Hamburger Senat und die Deutsche Botschaft in Kuala Lumpur bereiten unterdessen die unb\u00fcrokratische Aufnahme in Hamburg f\u00fcr Mitte August vor. Die Menschen werden unter \u00e4rztlicher Begleitung in je einer Maschine der Luftwaffe und der Lufthansa fliegen; in beiden F\u00e4llen wurden Sonderpreise gew\u00e4hrt\u201c.[9] Am 17. August 1979 fliegen die ersten 90 der insgesamt 274 der im Rahmen dieser Aktion Aufgenommenen nach Hamburg. Die zur Verf\u00fcgung gestellte Aufnahmekapazit\u00e4t wird sogar kurzfristig aufgestockt, um Familien nicht auseinander zu rei\u00dfen.[10]\r\n\r\nh4. Exzeptionelle Fl\u00fcchtlings- und Integrationspolitik\r\n\r\nSo ungew\u00f6hnlich die Umst\u00e4nde auch sind, die zum Auslaufen der \u201eCap Anamur\u201c und zur ZEIT-Aktion f\u00fchren, werden diese noch durch die politischen Reaktionen in der BRD \u00fcbertroffen. W\u00e4hrend die zumeist linken Opfer der neoliberalen Diktaturen in Lateinamerika in dieser Zeit nur auf eine sehr eingeschr\u00e4nkte Aufnahmebereitschaft und Sympathie sto\u00dfen, f\u00e4llt die gro\u00dfe Anteilnahme und Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Boat People in Westdeutschland geradezu leidenschaftlich aus. Welche besonderen Elemente diese exzeptionelle Fl\u00fcchtlingspolitik in Zeiten des Kalten Krieges auspr\u00e4gt, wird ebenfalls an der \u00e4u\u00dferst unb\u00fcrokratischen Aufnahmeaktion von 2.500 Gefl\u00fcchteten deutlich, die kurz vor Weihnachten 1978 als erste vietnamesische Boat People in die BRD eingeflogen werden. Ihre Ankunft im nieders\u00e4chsischen \u00dcbergangslager Friedland wird in arbeitsteiliger Kooperation zwischen Politik und Publizistik als mediales Gro\u00dfereignis f\u00fcr die deutsche Bev\u00f6lkerung in Szene gesetzt. Einige Wochen zuvor hat Niedersachsens konservativer Ministerpr\u00e4sident Ernst Albrecht einen Fernsehbericht \u00fcber die humanit\u00e4re Not auf dem \u00fcberf\u00fcllten Fl\u00fcchtlingsschiff \u201eHai Hong\u201c gesehen und ergreift daraufhin eine politische Initiative zur Aufnahme von Boat People. Das politische Wohlwollen und die weitverbreitete Hilfsbereitschaft gegen\u00fcber den Boat People ist ein wiederkehrendes Element ihrer Migrationsgeschichte. Selbst scheinbar un\u00fcberwindbare Hindernisse werden aus dem Weg ger\u00e4umt: So wird die gesetzliche Grundlage erst nach der Aufnahme nachtr\u00e4glich nachgeliefert \u2013 ein b\u00fcrokratischer Vorgang, der f\u00fcr s\u00e4mtliche anderen Fl\u00fcchtlinge undenkbar ist.\r\n\r\nObwohl anf\u00e4nglich in allen Bundestagsparteien auch Warnungen vor \u201ekulturfremden\u201c Boat People ge\u00e4u\u00dfert werden, setzt sich sehr schnell eine Stimmung durch, die sich in diesem Fall f\u00fcr die Aufnahme eines von vornherein festgelegten Kontingents im Rahmen einer humanit\u00e4ren Hilfsaktion ausspricht. Durch das 1980 eingef\u00fchrte Kontingentfl\u00fcchtlingsgesetz reisen bis Mitte der 1980er Jahre etwa 40.000 Boat People in die BRD ein. Dieser Sonderstatus verschafft den Boat People von Anfang an vielf\u00e4ltige Privilegien, die andere Asylbewerber_innen und anerkannte politische Fl\u00fcchtlinge normalerweise nicht genie\u00dfen. So werden sie bereits bei der Einreise als asylberechtigt anerkannt und haben nicht nur erleichterte M\u00f6glichkeiten zur Familienzusammenf\u00fchrung, sondern auch legalen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Die Integration in die Gesellschaft wird zus\u00e4tzlich \u00fcber Sprachkurse, berufliche Qualifizierungsma\u00dfnahmen, raschen Umzug in eine eigene Wohnung und viele unb\u00fcrokratische Hilfsangebote aktiv gef\u00f6rdert.[11]\r\n\r\nVor diesem historischen Hintergrund also hat eine Initiative ehemaliger Boat People unl\u00e4ngst den \u201eGedenkstein der Dankbarkeit gegen\u00fcber dem deutschen Volk und den deutschen Regierungen\u201c errichtet (Bundesinnenministerium).[12] Am 12. September 2009 wird anl\u00e4sslich des 30j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der Hilfsaktion im Beisein der Bundesinnenministers Wolfgang Sch\u00e4uble das Denkmal an den Hamburger Landungsbr\u00fccken enth\u00fcllt. Obwohl die Boat People-Community heutzutage gerne als musterg\u00fcltiges Beispiel der gelungenen Integration pr\u00e4sentiert wird,[13] ist eine solche Darstellung nur m\u00f6glich, wenn nicht nur \"rassistische Morde \u2013 wie jene an den jungen Boat People Ngoc Nguyen und Do Anh Lan in Hamburg-Billbrook (1980)\":https://www.hamburg-global.de/v1.0/placemarks/86 [14] \u2013 oder das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen (1992),[15] sondern auch die Begleitumst\u00e4nde dieser exzeptionellen Fl\u00fcchtlings- und Integrationspolitik ausgeblendet werden. Die Geschichte der Boat People in der BRD verweist vielmehr auf eine ungew\u00f6hnliche Anomalie in der restriktiven deutschen Fl\u00fcchtlings- und Ausl\u00e4nderpolitik. Das wird besonders im medialen und politischen Umgang mit sp\u00e4teren Rettungsaktionen der \u201eCap Anamur\u201c unter Leitung des Journalisten Elias Bierdel deutlich.\r\n\r\nAls n\u00e4mlich das Schiff der Hilfsorganisation 2004 afrikanische Bootsfl\u00fcchtende im Mittelmeer aus der Seenot rettet, bleibt die Unterst\u00fctzung aus und die humanit\u00e4re Solidarit\u00e4t wird vielfach verweigert. Politik und Medien reagieren unerbittlich: Nach kurzer Zeit werden alle afrikanischen Boat People abgeschoben und Bierdel muss aufgrund der harschen Kritik als Vorsitzender der Hilfsorganisation zur\u00fccktreten. In Folge der Kriminalisierung dieser humanit\u00e4ren Rettungsaktion wird das Schiff von den italienischen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden konfisziert und die Schiffsbesatzung mit materiellen wie strafrechtlichen Sanktionen bedroht. Zwar werden alle Angeklagten nach einem jahrelangen Prozess 2009 freigesprochen,[16] aber die Idee, Boat People aus dem globalen S\u00fcden vor der K\u00fcste Europas zu retten, ist im Zuge dieser Abschreckungspolitik zun\u00e4chst aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein verbannt. Ob die wiederkehrenden Katastrophen vor Lampedusa und anderswo ein Umdenken bei den politisch Verantwortlichen in der Europ\u00e4ischen Union und in Hamburg bewirken, ist gegenw\u00e4rtig mehr als ungewiss. Klar ist nur, dass die postkoloniale Geschichte und K\u00e4mpfe der Boat People weitergeht.\r\n\r\nh4. Autor\r\n\r\nKien Nghi Ha, promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler, ist Fellow des Instituts f\u00fcr post\u00adkoloniale und transkulturelle Studien der Universit\u00e4t Bremen und Vorstandsmitglied des asiatisch-deutschen Kulturnetzwerks korientation e.V. Er hat an der New York University sowie an den Universit\u00e4ten in Heidelberg und T\u00fcbingen zu postkolonialer Kritik, Migration und Asian Diasporic Studies geforscht und gelehrt. Als Kurator hat er u.a. im Haus der Kulturen der Welt (Berlin) und im Hebbel am Ufer-Theater (Berlin) verschiedene Projekte \u00fcber asiatische Diaspora realisiert. Seine Monografie Unrein und vermischt. Post\u00adkoloniale Grenzg\u00e4nge durch die Kulturgeschichte der Hybridit\u00e4t und der kolonialen \u201eRassen\u00adbastarde\u201c (transcript 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis f\u00fcr Interkulturelle Studien 2011 ausgezeichnet. Fr\u00fchjahr 2014 gab er das Online-Dossier \u201eAsian Germany \u2013 Asiatische Diaspora in Deutschland\u201c f\u00fcr die Heinrich B\u00f6ll Stiftung heraus. Weitere B\u00fccher: Ethnizit\u00e4t und Migration Reloaded (Westf\u00e4lisches Dampfboot 1999/WVB 2004); Vietnam Revisited (WVB 2005), Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A 2012, Hg.) und re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland (Unrast 2007, Co-Hg.).\r\n\r\nh4. Fu\u00dfnoten\r\n\r\nfn1. Vgl. Kien Nghi Ha: Boat People: Vom postkolonialen \u00dcberleben zur hybriden Metamorphose. In: Elisabeth Fiedler/Michael Petrowitsch (Hg.): Borderline. Weitra: Bibliothek der Provinz, 2013, S. 72-89, und Kien Nghi Ha: RASSISMUS SUCKS  \u2013 Eine Einleitung. In: Kien Nghi Ha (Hg.): Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Berlin-Hamburg: Assoziation A, 2012, S. 9-22.\r\n\r\nfn2. Siehe etwa die Zeitzeugenberichte in Nguy Vu (Hg.): Flucht \u00fcber den Ozean des Ostens. Eigenverlag, 2004. Vgl. auch den Artikel \u201eVietnamese boat people\u201c. Online: http://en.wikipedia.org/wiki/Boat_people (20.01.2014).\r\n\r\nfn3. Siehe DER SPIEGEL: Schwafel, schwafel, 24.09.1979, DER SPIEGEL, 39/1979, S.67-71. Online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-39868888.html (23.08.2013).\r\n\r\nfn4. Vgl. Rupert Neudeck (Hg.): Wie helfen wir Asien oder: Ein Schiff f\u00fcr Vietnam. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1980.\r\n\r\nfn5. Vgl. die Darstellung und Bildserie bei Katja Iken: Gestrandete der Apokalypse. Boatpeople aus Vietnam. SPIEGEL-Online,  01.12.2008. Online: http://www.spiegel.de/einestages/boatpeople-aus-vietnam-a-949685.html (25.08.2013).\r\n\r\nfn6.] Vgl. hierzu auch die Erinnerungspolitik der s\u00fcdvietnamesischen Exilgemeinden:  Viet Thanh Nguyen: My Black April, 04.04.2013. Online: http://diacritics.org/2013/diacriticize-my-black-april (15.12.2013) und Huy Dao: Transnationale Politik von Geschichte, Erinnerung und Lokalit\u00e4t \u2013 Vietnamesische Communities in Kalifornien und Berlin. In: Kien Nghi Ha (Hg.): Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Berlin-Hamburg: Assoziation A, 2012, S. 212-225.\r\n\r\nfn7. Josef Joffe: Stehplatz in der H\u00f6lle Das Vietnam-Drama geht weiter \u2013 Eine Woche auf der Insel Pulau Bidong. DIE ZEIT, 06.07.1979, S. 9-11. Online: http://www.zeit.de/1979/28/stehplatz-in-der-hoelle (20.08.2013).\r\n\r\nfn8. Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff: V\u00f6lkerwanderung des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Fl\u00fcchtlingsdrama in Indochina: Wir m\u00fcssen helfen. DIE ZEIT, 27.07.1979, S. 1. Online: http://www.zeit.de/1979/31/voelkerwanderung-des-zwanzigsten-jahrhunderts (20.08.2013).\r\n\r\nfn9. Editorial \u201eHilfe f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge aus Vietnam\u201c. DIE ZEIT, 03.08.1979, S. 1. Online: http://www.zeit.de/1979/32/hilfe-fuer-fluechtlinge-in-vietnam (22.08.2013)\r\n\r\nfn10. Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff: In eine neue Heimat. Von Kuala Lumpur nach Hamburg. DIE ZEIT, 17.08.1979, S. 1. Online: http://www.zeit.de/1979/34/in-eine-neue-heimat (22.08.2013). \r\n\r\nfn11. Vgl. Julia Kleinschmidt: Die Aufnahme der ersten \u201eboat people\u201c in die Bundesrepublik. In: Deutschland Archiv Online, 26.11.2013. Online: http://www.bpb.de/170611 (15.02.2014).\r\n\r\nfn12. Gedenkstein der Dankbarkeit. \u201eDeutschland hat uns das zweite Leben in der Freiheit geschenkt\u201c, 12.09.2009. Online: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2009/09/gedenkstein.html (24.08.2013).\r\n\r\nfn13. Siehe etwa Olaf Beuchling: Vom Bootsfl\u00fcchtling zum Bundesb\u00fcrger. Migration, Integration und schulischer Erfolg in einer vietnamesischen Exilgemeinschaft. M\u00fcnster: Waxmann, 2003.\r\n\r\nfn14. Siehe Frank Keil: Anschlag auf Fl\u00fcchtlinge. Der blanke Hass. In: ZEIT Online, 24.02.2012. Online: http://www.zeit.de/2012/09/Anschlag-1980 (20.08.2013).\r\n\r\nfn15. Ausf\u00fchrlicher in Kien Nghi Ha: Rostock-Lichtenhagen \u2013 Die R\u00fcckkehr des Verdr\u00e4ngten. Heinrich B\u00f6ll Stiftung, September 2012. Online: http://heimatkunde.boell.de/2012/09/01/rostock-lichtenhagen-die-rueckkehr-des-verdraengten (15.03.2014).\r\n\r\nfn16. Vgl. etwa Khu\u00ea Pham: Wer hilft, wird bestraft. ZEIT Online, 29.09.2009. Online: http://www.zeit.de/politik/ausland/2009-09/fluechtlinge-retter-gericht (15.03.2014).\r\n\r\n\r\n\r\n","created_at":"2014-04-16T20:21:53Z","creator":"Kien Nghi Ha","district":"Neustadt","geo_relation":"Vietnam; Malaysia; Italien; Libyen; Tunesien; \u00c4gypten; Algerien; Marokko, Spanien","id":100,"image":{"url":"/v1.0/uploads/placemark/100/denkmal-boatpeople.jpg","thumb":{"url":"/v1.0/uploads/placemark/100/thumb_denkmal-boatpeople.jpg"},"mini":{"url":"/v1.0/uploads/placemark/100/mini_denkmal-boatpeople.jpg"}},"image_credit":"A.Schwarzer","lat":"53.54484","layer_id":3,"lon":"9.973945","place":"Cap Anamur-Gedenkstein","public":true,"published_at":null,"source":"","subtitle":"Konjunkturen und Anomalien einer exzeptionellen Fl\u00fcchtlings- und Integrationspolitik","teaser":"Der Kultur- und Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha beleuchtet die Facetten eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Diskurses, der Ende der 1970er Jahre die Aufnahme vietnamesischer Bootsfl\u00fcchtlinge politisch vorbereitete und begleitete. Mit einem Denkmal an den Hamburger Landungsbr\u00fccken bedanken sich ehemalige Boat People f\u00fcr die Aufnahme zahlreicher vietnamesischer Fl\u00fcchtlinge Ende der 1970er Jahre. Hamburg war nicht nur Heimathafen der Schiffe, die z.T. mit der Hilfsorganisation \u201eCap Anamur\u201c im S\u00fcdchinesischen Meer Leben retteten \u2013 eine Vorgehensweise, die heutzutage im Mittelmeer im \u00dcbrigen hart bestraft wird. Die Hansestadt spielte im Verbund mit der Hamburger Wochenzeitung \u201eDie Zeit\u201c auch eine gewichtige Rolle, die Spenden- und Aufnahmebereitschaft der Hamburger_innen zu aktivieren.","title":"Die Ankunft der vietnamesischen Boat People ","updated_at":"2021-01-10T12:21:08Z","url":"http://asiatischedeutsche.wordpress.com","user_id":55,"zip":"20459"}